Journalismus gegen die Klimaangst

Foto: Clement Dorval / Ville de Paris

Konstruktiver als Bilder von Eisbären auf schmelzenden Eisschollen sind etwa solche der neuen Fahrradfreundlichkeit in Paris. Foto: Clement Dorval / Ville de Paris

Das Klimathema macht müde oder gar ängstlich. Die Neurowissenschaftlerin und Medienpsychologin Maren Urner kennt ein Gegenmittel und kritisiert den Versuch vermeintlicher journalistischer Objektivität als Feigenblatt.


Frau Urner, immer mehr und insbesondere junge Menschen fürchten sich vor einer Zukunft mit den Folgen des Klimawandels. Sie haben Klimaangst. Was bedeutet das für die Journalist:innen, die über den Klimawandel berichten?

Vor ein paar Jahren habe ich durchschnittlich vielleicht einmal im Monat von der Diagnose Klimaangst gehört. Mittlerweile begegnet mir das Thema in meiner Arbeit quasi täglich. Dabei geht es um mehr als ein „ich fühle mich nicht gut“, sondern um Zukunftsängste bis hin zu Hilflosigkeit, Verzweiflung und gesellschaftlicher Lähmung. Das wird dadurch verstärkt, dass in der journalistischen Berichterstattung allgemein und auch beim Klimathema das Negative mehr Raum bekommt, als es in der Realität hat.

Der Klimawandel hat, vorsichtig ausgedrückt, ja auch sehr negative Folgen.

Natürlich, doch die Konzentration darauf dominiert die Berichterstattung, ohne gleichzeitig auch zu thematisieren, wie wir mit den riesigen Herausforderungen umgehen können. Mein Kernverständnis von Journalismus ist, Menschen über das, was in der Welt passiert, zu informieren und sie handlungsfähig zu machen. Das deckt sich mit vielen bekannten Definitionen. So hat es der amerikanische Journalist und Pulitzer-Preisträger Jack Fuller schön auf den Punkt gebracht: „News must be helping people master their world through knowledge.“

Also brauchen wir mehr Klimanews?

Wir brauchen vor allem „mehr“ von dem Verständnis, dass „das Klimathema“ eben kein Thema ist, sondern alle Lebensbereiche und damit Ressorts betrifft. Das heißt nicht, dass wir als Weg dorthin auch mit unterschiedlichen Formaten und klimafokussierten Beiträgen experimentieren sollten. Ich denke da an Initiativen wie Klima° vor acht oder an den Journalisten und Medienmanager Wolfgang Blau, der kürzlich im „journalist“ gefordert hat, dass Klimajournalismus in den Chefredaktionen verankert werden muss.

Kein Thema. Dimensionen des Journalismus in der Klimakrise

Die große Lücke zwischen Klimawissen und Klimahandeln geht auch auf Journalist:innen zurück. Carel Mohn und Sven Egenter fordern deshalb eine neue Auseinandersetzung mit der journalistischen Disziplin.

Wofür statt wogegen?

Eine Untersuchung an der Universität Hamburg hat 2019 festgestellt, dass sich Menschen mehr Klima-Berichterstattung wünschen, die Nachrichten dann aber doch als ermüdend empfinden – und das Klimathema verdrängen.

Genau da sehe ich die oben genannte Kernherausforderung. Mit den gleichen negativen Schlagzeilen führt mehr Berichterstattung nur zu mehr Klimaangst und damit einhergehender Handlungsunfähigkeit. Deshalb muss sich neben der Menge vor allem die Art der Berichterstattung verändern. Dafür können wir zwischen dem „Was“ und dem „Wie“ unterscheiden. Es geht einerseits darum, den Fokus inhaltlich nicht rein auf dem Negativen zu belassen. Andererseits geht es um den konstruktiven Ansatz, für den ich seit der Gründung des Online-Magazins Perspective Daily als Vertreterin des Konstruktiven Journalismus eintrete. Dabei geht es nicht um eine Verschleierung der Gegebenheiten oder einer Fokussierung aufs Positive, sondern ganz einfach ein vollständigeres Bild der Welt und entsprechend auch den Herausforderungen der Klimakrise mit all ihren strukturellen Ursachen und Folgen aber eben auch Chancen. Im Kern fragt der Konstruktive Journalismus immer „Was jetzt?“, um so zu thematisieren, wir denn weitermachen wollen und können. Im Grunde ist das kritischer Qualitätsjournalismus.

Konstruktiv zu schreiben oder zu reden ist das eine. Doch was ist mit der Realität der Klimabilder?

Auch hier gilt das Prinzip: Wofür statt wogegen? Wenn ich frage, in welcher Welt wir leben wollen, wofür wir eintreten wollen, statt wogegen, schafft das andere Bilder im Kopf und ermöglicht gleichzeitig eine verbesserte Handlungsfähigkeit. Es ist der entscheidende Schritt aus der häufig erlernten Hilflosigkeit zur Selbstwirksamkeit. Statt den Eisbären auf abschmelzenden Eisschollen brauchen wir mehr Beiträge über die mutige Verkehrspolitik in Paris, die täglich neue Bilder einer klimafreundlichen und damit menschenfreundlichen, gesunden Fahrradstadt hervorbringt.

Klimabilder im Netz. Fotografische Abzüge von Suchergebnissen der Google-Bildersuche, sortiert durch die Mitarbeiter:innen des Forschungsprojekts „Networked Images of Climate Change. Foto: Birgit Schneider

Wir brauchen neue Klimabilder!

Bebildern Medien das Klimathema realistisch? Und zeigen diese Bilder einen Weg aus der Krise? Die Kunst- und Medienwissenschaftlerin Birgit Schneider hat begründete Zweifel und drei Forderungen für neue Klimabilder.

Objektivität als Feigenblatt

Die Idee des Konstruktiven Journalismus findet in immer mehr Medien Anwendung, wird aber nach wie vor als aktivistisch kritisiert. Auch Sie müssen die Idee immer wieder verteidigen.

Dieser Vorwurf des Aktivismus ist so tragisch wie komisch. Denn zu Ende gedacht, ist jeder Journalismus aktivistisch, weil jede Informationsweitergabe immer die Gedanken der Leser:innenschaft beeinflusst und verändert. Offen gesagt halte ich das Festhalten an der Vorstellung, dass wir Informationen objektiv verbreiten und aufnehmen könnten für Quatsch. Ein ganz plakatives Beispiel für die unterschiedliche Wahrnehmung einer Information ist „the dress“, das die meisten Menschen entweder als schwarz-blau oder als weiß-gold beschreiben. In der Psychologie und anderen Menschen-orientierten Wissenschaften ist die individuelle Natur der Wahrnehmungen seit Jahrzehnten keine heiße Nachricht mehr. Nur in der Branche, die selbst heiße Nachrichten produziert, ist dieser Kulturwandel noch immer nicht ausreichend angekommen. Gerade bei einem existenziellen Thema wie der Klimakrise ist die objektive Berichterstattung ein Feigenblatt – und steht letztlich auch den Menschen im Weg, die diese Position vertreten.

Sie sprechen auch von statischem und dynamischen Denken.

Ja, ich stelle die beiden Konzepte in meinem aktuellen Buch „Raus aus der ewigen Dauerkrise“ gegenüber. Dabei beginnt das dynamische Denken mit dem Stellen von besseren Fragen, also dem „Wofür statt wogegen“. Wenn wir eine dynamisch denkende Gesellschaft möchten, brauchen wir auch dynamisch denkende Journalist:innen. Das Zweite kann das Erste fördern und erfordert ein neues journalistisches Selbstverständnis.

Allerdings sind auch Journalist:innen Menschen. Wie werden sie frei von Klimaangst?

Es geht gar nicht darum, angstfrei zu werden. Für Journalist:innen gilt wie auch für Medienkonsument:innen, Klimaangst und Hilflosigkeit anzuerkennen, mit anderen darüber zu sprechen und sie phasenweise zuzulassen – auch als Motivator für guten Klimajournalismus.


Foto: Lea Franke

Maren Urner

… ist Neurowissenschaftlerin, Professorin für Medienpsychologie an der HMKW Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft Köln sowie Buchautorin und Mitgründerin von Perspective Daily.


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