Der Klimawandel kennt keine Ressorts

Ressorts in der Süddeutschen Zeitung. Foto: Jonas Mayer

Bei der Süddeutschen Zeitung wird der Klimawandel als Thema aller Ressorts behandelt. Foto: Jonas Mayer

Ein starkes Wissenschaftsressort ist gut, eine starke Zusammenarbeit aller Ressorts einer Zeitung ist besser. Vor allem beim Thema Klimawandel, schreibt Marlene Weiß von der Süddeutschen Zeitung.


Das Wissenschaftsressort ist bei der Süddeutschen Zeitung (SZ) eine Mischung aus einem kleinen, feinen Ressort, internem Korrespondentenbüro für Wissenschaftsthemen und Expertendienst, der Einordnungen und Ansprechpartner liefert. In dieser Dreifachrolle wurde das Wissen bei der SZ stets geschätzt und hat einen guten Stand im Haus. Mit den beiden aktuellen Krisen Pandemie und Klimawandel hat sich dieser Status wahrscheinlich noch einmal verbessert. Die dritte große Krise, der Verlust der biologischen Vielfalt, ist in der öffentlichen Debatte leider noch nicht so präsent, wie es ihrer Dramatik entsprechen würde.

Die starke Vernetzung der Wissenschaftsredaktion in der ganzen SZ und die enge Zusammenarbeit über Ressortgrenzen hinweg sind eine gute Ausgangslage, um auch künftig breit über das Klima zu berichten. Ein neueres, gutes Beispiel für die Zusammenarbeit von Wissenschafts-, Politik- und Entwicklungsredaktion ist der ausführliche und grafische Klimaexplainer über eine Zukunft zwischen 1,5 und 4 Grad Erderwärmung.

Nicht jede Studie braucht einen eigenen Bericht

Dabei haben die Leserinnen und Leser wenig davon, wenn sich Klimajournalismus auf reine Wasserstandsmeldungen beschränkt. Es ist sicher wichtig, erstens, den aktuellen Stand der Klimaforschung abzubilden, aber man muss nicht über jede kleine Studie zum Grönlandeis oder zu veränderten Niederschlagsmustern einzeln berichten. Dann lieber größere Überblicksstücke, die einen Aspekt des Klimawandels gründlicher beleuchten. Und zu guter Klimaberichterstattung gehört noch mehr.

Kein Thema. Dimensionen des Journalismus in der Klimakrise

Die große Lücke zwischen Klimawissen und Klimahandeln geht auch auf Journalist:innen zurück. Carel Mohn und Sven Egenter fordern deshalb eine neue Auseinandersetzung mit der journalistischen Disziplin.

Etwa zweitens, die Einordnung: Wie beunruhigend ist das Tempo der Eisschmelze auf Grönland? Welches Extremereignis hätte ohne Klimawandel so wahrscheinlich nicht stattgefunden (und welches vielleicht schon)? Warum ist diese oder jene Behauptung von Klimaleugnern oder Weltuntergangspropheten nicht korrekt? Wirklich ein Segen ist hier aus meiner Sicht auch die enge Zusammenarbeit mit dem Daten- und Infografikteam.

Drittens: Klimawandel und Klimaschutz sind klassische Querschnittsthemen. Sie kommen mittlerweile in allen SZ-Ressorts vor; und das ist auch richtig so. Nur so kann man allen Aspekten des Themas gerecht werden. Wir müssen auch zeigen, was Klimaschutz für Unternehmen bedeutet, wie Hitze und Starkregen das Leben in Städten verändern, wie die Klimafrage politische Gewichte verschiebt. Gut sichtbar ist diese Vielfalt auch in unserem wöchentlichen Klimafreitag-Newsletter, den derzeit acht Redakteure aus sieben Ressorts im Wechsel bestreiten.

Auch im SZ-Klimamonitor fließt die Expertise mehrerer Ressorts zusammen. Foto: Screenshot

Mit Forschern über ihre Ängste sprechen

Viertens: Man muss nicht immer Lösungen präsentieren. Manchmal gibt es noch keine. Aber es kann nicht schaden, auch zu berichten, was funktioniert oder funktionieren könnte, statt die Leserinnen und Leser mit Hiobsbotschaften allein zu lassen.

Fünftens: Es braucht neue Zugänge. Journalismus ist im Jahr 2021 vielleicht so vielfältig wie nie zuvor. Davon kann auch die Klimaberichterstattung profitieren. Das betrifft nicht nur Digitalprojekte, Podcasts, Videos, Social-Media-Formate und Newsletter, sondern auch neue erzählerische Ansätze in der ganz klassischen Textform – wenn man zum Beispiel mit Klimawissenschaftlern mal nicht über ihre Forschung, sondern über ihre Ängste spricht.

Sechstens: Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie wächst mit unseren Ideen und Erfahrungen. Ich bin sehr gespannt, welche das sein werden.


Foto: Blende11

Marlene Weiß

… leitet das Wissenschaftsressort der Süddeutschen Zeitung und schreibt selbst viel zum Thema Klimawandel.


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