Kein Thema. Dimensionen des Journalismus in der Klimakrise

Tagebau Hambach. Journalist:innen sind mit verantwortlich für die Lücke zwischen unserem Wissen und unserem Handeln in der Klimakrise: Foto: Pixabay

Die große Lücke zwischen Klimawissen und Klimahandeln geht auch auf Journalist:innen zurück. Carel Mohn und Sven Egenter fordern deshalb eine neue Auseinandersetzung mit der journalistischen Disziplin.


Man stelle sich vor – ein neuer Trend hat den Journalismus erfasst. Nennen wir ihn „Deutschlandjournalismus“. Allenthalben entdecken Redaktionen, dass es an der Zeit sei, über das Thema Deutschland zu berichten. Überall wird an Deutschland-Formaten gewerkelt, in den Öffentlich-Rechtlichen werden Deutschland-Minuten gesendet und Deutschland-CvDs eingeführt, nicht zuletzt, nachdem Aktivist:innen öffentlichkeitswirksam eine neue Sendung namens „Deutschland vor Acht“ gefordert hatten.

Natürlich ist es Unfug, mehr „Deutschlandjornalismus“ in den deutschen Medien zu fordern. Gleichzeitig erscheint die Forderung nach mehr, nach besserem, ja überhaupt nach Klimajournalismus hoch plausibel. Wie kann das sein? Vielleicht liegt es daran, dass bereits der Begriff ein Problem darstellt, untergräbt er doch möglicherweise genau das, was er eigentlich überwinden will – nämlich die Befreiung der Klimaberichterstattung aus engen Zuständigkeits- und Ressortgrenzen.

Wie es scheint sollten wir also gleich wieder Abschied nehmen vom Begriff des Klimajournalismus, denn: Der Klimawandel ist kein „Thema“. Der Klimawandel ist schlicht und einfach die Realität. Und ganz genauso wie kein Journalismus in Deutschland vorstellbar ist, der sich in allen Fasern seiner Existenz nicht auf die unleugbare Existenz des Phänomens „Deutschland“ bezieht, so gilt das auch für den Journalismus und die Klimakrise. Sprechen wir also statt über Klimajournalismus besser über bestmöglichen Journalismus in Zeiten der Klimakrise.

Wie aber müsste ein solcher Journalismus aussehen? Wir nennen fünf Dimensionen.

1. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Disziplin

Am Anfang stünde eine stärkere Auseinandersetzung von Medienschaffenden mit der Frage, wie ihr Beruf wirkt und was er bewirkt – und das Ende der von vielen journalistischen Profis kultivierten Arroganz gegenüber einem wissenschaftlichen Verständnis des Journalismus. Diese Arroganz zeigt sich beispielsweise in der geringen Wertschätzung, die Journalismuspraktiker vielfach Fächern wie der Journalistik, der Medien-oder Kommunikationswissenschaft entgegenbringen.

Papier- statt Plastiktüte? Dass manche Menschen das für ausreichenden Klimaschutz halten, ist auch ein Effekt der Klima-Berichterstattung. Foto: Pixabay

Sicher: Journalisten sollten recherchieren und sich auszudrücken wissen, die handwerklichen Anforderungen des Berufs meistern, ganz genauso, wie dies für Ärzte oder Ingenieurinnen gilt. Allerdings ist es für Ärzte wie für Ingenieurinnen selbstverständlich, nicht nur zu wissen, welche Effekte eintreten, wenn man ein bestimmtes Medikament verordnet oder wie man eine Maschine in Gang setzt. Ebenso wird von ihnen erwartet, zu verstehen, warum diese Effekte eintreten, welche Mechanismen dem Medikament zu seiner Wirksamkeit verhelfen und welche Prozess die Maschine steuern.

Diese Selbstverständlichkeit der vertieften Auseinandersetzung mit der eigenen Disziplin lässt die Medienszene vermissen. Und dabei wäre es nirgendwo notwendiger als in der Berichterstattung zu Klimathemen. So gibt es beispielsweise eine eklatante Lücke zwischen unserem Klimawissen und dem tatsächlichen Klimahandeln. Diese Lücke hat nicht zuletzt damit zu tun, wie sich Menschen über Klimathemen informieren, verständigen, austauschen, kommunizieren, kurzum: auch der Journalismus hat hiermit zu tun. Die Art und Weise der Berichterstattung über den Klimawandel in den vergangenen Jahrzehnten könnte dazu beigetragen haben, dass aus der Lücke ein klaffender Abgrund wurde. Waren Lösungen regelmäßig Teil der Berichterstattung? Haben Medien Klimaschutzansätze zum Beispiel im Autojournalismus oder der Architekturberichterstattung auch als solche benannt? Es wäre es gut, konkret zu wissen, inwieweit Journalismus zum Entstehen dieser Kluft beigetragen hat und was mit journalistischen Mitteln zu tun wäre, um das Knowledge-Action-Gap ein wenig zu schließen.

Es geht um Kommunikationskompetenz jenseits von Leitsätzen wie „If it bleeds, it leads.“

Carel Carlowitz Mohn und Sven Egenter

Zu wissen, wie Journalismus wirkt (und wie er nicht wirkt) würde auch bei der Navigation durch die Untiefen der Social-Media-Welten helfen. In diesem stürmischen Archipel hat Journalismus nicht die Aufgabe mitzumachen, sondern der Anker für Fakten und Relevanz zu sein. Zudem wäre hilfreich, wenn mehr Medienmacher:innen verstünden, was ihre Texte, Überschriften oder Talkshowthemen anrichten beziehungsweise bewirken können. Es ginge also um Kommunikationskompetenz jenseits der klassischen Journalisten-Denke nach dem Motto althergebrachter Leitsätze wie „If it bleeds, it leads.“

2. Klimawandel auch in Kultur- und Sportredaktionen

Um noch einmal auf die Analogie mit dem Deutschland-Journalismus zurückzukommen: Natürlich gibt es in etlichen Medien eigene Ressorts, die sich mit deutscher Innenpolitik beschäftigen. Deutschlandressorts gewissermaßen. Aber natürlich ist in all diesen Medien Deutschland auch in allen anderen Ressorts nicht wegzudenken, weder im Sport-, Lokal- oder Wirtschaftsressort, weder im Feuilleton noch im Vermischten. Die Sportjournalistin muss wissen, welche Sportarten in Deutschland populär sind, der Politikredakteur muss die Grundzüge der deutschen Finanzverfassung kennen.

So ähnlich sollten wir uns die Sache mit der Klima-Berichterstattung vorstellen. Klimawandel muss raus aus der Wissenschaftsecke, darf nicht länger wegdelegiert werden an Spezialressorts. Vielmehr braucht es in allen Ressorts Klimawissen, müssen sich Redakteur:innen selbstverständlich im aktuellen Sachstands des Wissens bewegen und in jenen relevanten Fachdebatten orientieren können, die an der Schnittstelle zwischen ihrem Ressort und dem Klimathema stattfinden.

Ressorts in der Süddeutschen Zeitung. Foto: Jonas Mayer

Der Klimawandel kennt keine Ressorts

Ein starkes Wissenschaftsressort ist gut, eine starke Zusammenarbeit aller Ressorts einer Zeitung ist besser. Vor allem beim Thema Klimawandel, schreibt Marlene Weiß von der Süddeutschen Zeitung.

Drei Beispiele, um das konkret zu machen:

  • Eine Kulturredaktion müsste im Blick haben, wie sich das Theater, Museen, die Literatur mit dem Klimawandel auseinandersetzen, wie darum gerungen wird, die Anpassung der Städte an Starkregen und Hitzewellen mit dem Denkmalschutz oder konkurrierenden Zielen der Stadtentwicklung in Einklang zu bringen, welchen Stellenwert klimawandelbedingte Migration in der auswärtige Kulturpolitik gewinnt.
  • Für Sportredakteur:innen wäre die Klimabilanz der kommerziellen Sportbranche ebenso ein Thema wie die von zunehmend von Extremwettereignissen ausgelösten Turbulenzen im Breitensport, im Spielbetrieb nationaler Ligen oder bei internationalen Wettkämpfen.
  • Und im Politikressort wäre neues Fachwissen gefragt, um abschätzen zu können, an welchen ausländischen Vorbildern sich Deutschland bei der Herkulesaufgabe orientieren könnte, seinen Bestand an 15 Millionen Ein- und Zweifamilienhäusern klimaneutral zu sanieren. Um einordnen zu können, anhand welcher Kriterien eine „Renaissance der Atomkraft“ ausgerufen werden sollte (und wann nicht). Oder um erkennen zu können, was es mit dem Klimawandel zu tun hat, wenn die Politik über Fachkräftemangel, über die Zukunft der Altersversorgung, den Bau von 400.000 neuen Wohnungen oder die Digitalisierung des Bildungswesens diskutiert.

Auf dem Weg zu dieser neuen Selbstverständlichkeit im Umgang mit dem Klimawandel ist für viele Redaktionen noch ein ordentliches Stück Wegs zurückzulegen. Bis dahin ließe sich dem notwendigen Mainstreaming mit einigen organisatorischen Vorkehrungen auf die Sprünge helfen: mit Klima-CvDs beispielsweise, die in Redaktionskonferenzen Themenvorschläge durch die Klimabrille betrachten, oder mit Klimateams, die ressortübergreifend die großen klimapolitischen Debatten einzuordnen versuchen.

Klimawissen für Gourmets: Auch der Gastro-Journalismus muss sich der Klimadebatte stellen. Foto: Carel Mohn

Hilfreich wäre hierbei auch eine Öffnung für neue Formen des Cross-border-Journalismus, wie wir sie mit dem CLEW Network des Clean Energy Wire zu fördern versuchen. Schließlich steht Deutschland nicht allein vor der Aufgabe, Verkehr, Landwirtschaft, Wohnen, Industrie und Konsum so umzugestalten, dass wir nicht länger die eigenen Lebensgrundlagen zerstören. Und ein zunehmend europäisch denkendes Publikum, eine immer stärker von Migration geprägte Gesellschaft dürfte für eine Reportage darüber, wie in den Niederlanden der Gasausstieg für ein ganzes Land funktionieren soll, mindestens ebenso aufgeschlossen sein wie für den Bericht aus dem Rhein-Hunsrück-Kreis, wie CDU-Landräte mit dem Erneuerbaren-Ausbau Traumwahlergebnisse erzielen.

Mehr länderübergreifender Journalismus, mehr Vernetzung sind angesagt. Denn viele Klimaschutzlösungen werden anderswo längst umgesetzt. Und die Öffentlichkeit braucht eine bessere Orientierung, um einschätzen zu können, in welchen Bereichen Deutschland wegweisende Lösungen entwickelt hat und an welchen Stellen wir im Rückstand sind und von anderen lernen können. Dass es hierbei auch auf den Journalismus als Korrektiv ankommt, zeigt der verbreitete und politisch toxische Irrglaube, „wir“ seien in Sachen Klima- und Umweltschutz sozusagen geborener Weltmeister.

3. Drei Arten von Klimawissen

Der US-Journalist Jay Rosen hat den journalistischen Auftrag in einem Offenen Brief an seine deutschen Kolleginnen und Kollegen 2018 sehr treffend auf den Punkt gebracht: Aufgabe von Journalist:innen sei es demnach nicht, den Menschen zu sagen, was sie denken sollen. Vielmehr gehe es darum, sie auf Dinge aufmerksam zu machen, über die sie nachdenken sollten.

Diese Einordnung entspricht der journalistischen Haltung, wie wir sie beim Clean Energy Wire und bei klimafakten.de praktizieren. Und wir finden: Es kommt nicht nur darauf an, seine journalistische Haltung zur täglichen Praxis werden zu lassen. Ebenso wichtig ist es, die Haltung, mit der wir unseren Beruf wahrnehmen, auch offenzulegen und dem Publikum zu vermitteln. Es soll wissen, woran es ist. Dies stärkt die Glaubwürdigkeit. Und es hilft dem Publikum auch zu verstehen, was für eine Art von journalistischem Produkt es gerade vor sich hat, zwischen einzelnen journalistischen Teilaufgaben zu unterscheiden.

Zeitungen haben unterschiedliche Blattlinien.Foto: Jonas Mayer

Die gute Sache als Blattlinie

Es gibt Streit, ob und wie aktivistisch Klimajournalismus sein darf. Die Medienethikerin Marlis Prinzing blickt auf verschiedene Blattlinien und erklärt, was sie selbst für die beste Grundhaltung hält.

Diese journalistischen Teilaufgaben kommen bei der Vermittlung von Klimawissen zum Tragen. Auf dem Weg vom Wissen zum Handeln unterschiedet die Umweltpsychologie zwischen Problemwissen, Orientierungs- und Handlungswissen.1 Das Problemwissen beschreibt dabei zunächst einmal, worin das Problem überhaupt besteht und warum wir im Sinne von Jay Rosen darüber nachdenken sollten – zum Beispiel, weil es mit ernsthaften Folgen verbunden ist oder weil es größer und noch dringlicher zu werden droht, wenn wir nicht handeln.

Im Unterschied dazu hilft das Orientierungswissen dabei, das Problem in den weiten Kosmos aller anderen Probleme einzuordnen, die spezifische Relevanz und Tragweite des Problems zu verstehen. Es hilft bei der raschen Sortierung, welches Wissen in Hinblick auf das Problem als gesichert gelten kann und wo offene Fragen bestehen. Und es bewahrt davor, in Fallen zu tappen, die von PR-Leuten, Spin-Doktoren und Lobbyisten aufgestellt werden – beispielsweise wenn vom Praxiseinsatz weit entfernte Technologien als Lösungen für die Klimaschäden einzelner Branchen ausgegeben werden oder wenn in der politischen Debatte mit Verweis auf vermeintliche Gesetzmäßigkeiten operiert wird (z.B. „Das Stromsystem braucht grundlastfähige Kraftwerke“ oder „in der Landwirtschaft gibt es in hohem Maße nicht vermeidbare Emissionen“), die in der Fachwelt als längst überholt gelten.

Beim Handlungswissen schließlich geht es darum, dem Publikum nicht nur zu vermitteln, worüber es nachdenken sollte, sondern es auch in die Lage zu versetzen, anschließend sinnvolle Handlungsstrategien zu entwickeln. Dies mag in manchen Ohren nach Aktivismus klingen, ist aber doch journalistische Alltagspraxis – denn natürlich benennt der Wirtschafts-, Verbraucher- oder Gesundheitsjournalismus Tag für Tag, welche Handlungsmöglichkeiten bestehen, welche Vor- und Nachteile mit welcher Form der Geldanlage, des Versicherungsschutzes oder der Ernährung verbunden sind.

Waldbrand infolge extremer Trockenheit in den USA. Auch solche Bilder fördern das Problemwissen. Und nun? Foto: NPS Climate Change Response

Angewandt auf die klimajournalistische Berichterstattung bedeutet dies: Gefragt ist ein neuer Dreiklang, der gleichermaßen auf Problemwissen, Orientierungswissen und Handlungswissen setzt. Und bislang fehlte es hierbei an Ausgeglichenheit: So wird zwar seit Jahrzehnten in den dunkelsten Farben über die bedrohlichen Folgen des Klimawandels berichtet, erhalten IPCC-Berichte beste Sendeplätze, erfahren Extremwetter, Waldbrände, Regenwaldabholzung oder die Klimarealitätsverleugnung von Politikern in aller Welt größte Aufmerksamkeit. Geballtes Problemwissen also, das seit langem in einer solchen Intensität auf das Publikum einströmt, dass es bei vielen Angst und Ohnmachtsgefühle angesichts einer hyperkomplexen Megakrise auslöst, ja zu zynischer Abgeklärtheit beitragen kann. Die sich dann Argumentationsmustern Bahn bricht wie: „China (hier als allmächtiger Monolith gedacht) baut jeden Tag 378 Kohlekraftwerke und lacht sich ins Fäustchen, weil wir mit unserer Klimapolitik unsere Industrie zugrunde richten.“

Und ebenso mangelt es in den Medien auch eher nicht an gutgemeinten Tipps, wie sich Leserinnen oder Zuschauer klimagerecht verhalten können – wobei diese Handlungsempfehlungen allzu oft allein auf den individuellen Konsum abstellen und die politischen Rahmenbedingungen wie das bürgerschaftliche Engagement ausblenden. In der Praxis hat diese zusammenhang- und kontextlose Verbreitung von Handlungstipps leider mit dazu beigetragen, dass Durchschnittsbürger zwar vielfach zu meinen wissen, wie sie selbst am besten zum Klimaschutz beitragen können (nämlich Plastikmüll vermeiden und regionale Lebensmittel einkaufen). Nur leider sind dies eben nicht die richtigen Antworten.

Was aber zwischen Problem- und Handlungswissen im medialen Umgang mit dem Klimathema am stärksten fehlt, ist die journalistische Aufbereitung von Orientierungswissen. Vielleicht ist dies nicht ohne Grund so, denn bei einem so vielschichtigen Thema wie dem Klimawandel in dem Dickicht von Ursachen, Klimafolgen und Klimaschutzlösungen zuweilen nicht die Orientierung zu verlieren, ist eine höchst schwierige Herausforderung. Und doch enorm wichtig, will man ein Publikum, das seinen Weg zwischen zynischer Abgeklärtheit und gutherziger Vermeidung von Plastiktüten zu finden weiß.

Foto: Number 10

Die Frames in den Köpfen von Klimajournalist:innen

Der Klimajournalismus ist voller Katastrophen- und Kostenrethorik, doch leer an Debatten über gesellschaftlichen Wandel. Das sagt der Forscher Michael Brüggemann – und benennt die Schwachstellen in den täglichen Berichten über neue Studien.

4. Weniger verdichten, mehr vermitteln

Ein Grund, warum sich Journalismus und das Klimathema gewissermaßen strukturell weniger gut vertragen, hat mit der zeitlichen Taktung zu tun. Im Journalismus zählt die morgige Ausgabe, die Topnachricht des Tages, der Tweet von Jetzt. Der jahrzehntelange schrittweise Umbau ganzer Gesellschaften hin zu Klimaneutralität, das schrittweise Austesten, das Begehen und beharrliche Korrigieren immer neuer Fehler sind in dieser Welt hingegen eine Art kategorischer Fehler, eine Art nicht-denkbare vierte Dimension.

Und auch die Erzähl- und Verstehensweise beider Welten könnte kaum weiter voneinander entfernt sein: Wo der Journalismus verdichtet, verkürzt, zuspitzt, nach „richtig“ oder “falsch“, nach O oder 1 fragt, da herrschen in der Welt der Energie-, Verkehrs-, Energie- und sonstigen Wenden transformationsbedingte Grautöne, herrscht Prozesshaftigkeit statt Zuständen.

Gefragt ist ein Verkehr, der nicht länger die Lebensgrundlagen zerstört.
Foto: Carel Mohn

Sicher: Der Journalismus hat Formate wie Reportage oder Dokumentation, um auch Prozesse zugänglich zu machen. In der alltäglichen Berichterstattung kommen sie aber meist nicht vor, und vermitteln dem Publikum so ein unvollständiges, oft irreführendes Bild von Klimaschutz und den notwendigen Veränderungen

Die Eigenlogiken des Journalismus‘ und des politischen Umgangs mit der Klimakrise werden sich nur bedingt auflösen lassen. Aber es wäre viel gewonnen, wenn sich Journalistinnen und Journalisten dieser Eigenlogiken bewusst wären, wenn sie zuweilen auch ihrem Publikum vermitteln und erklären würden, wie sehr es beim Klimaschutz auf einen langen Atem ankommt. Dass Klimaschutz ein Prozess ist, bei dem Fehler gemacht werden und wo es auf eine fehlerfreundliche Lernkultur ankommt.

5. Gebt dem Klimathema ein menschliches Gesicht

Unsere abschließende Empfehlung für die bestmögliche Berichterstattung über die Welt im Klimawandel schließlich ist ein Angebot, sich mit der schwierigen journalistischen Herausforderung bestmöglicher Klima-Berichterstattung zu versöhnen. Sie lautet: Gebt dem Klimathema ein menschliches Gesicht, und zwar jenseits der dominierenden Figuren. Hier ist deshalb von Versöhnung die Rede, weil der Journalismus anders als die Wissenschaft lustvoll auf das Subjektive schauen darf, weil er hier seine Stärken voll ausspielen kann und darf.

Viel zu einseitig indes haben bisher die Gesichter der Klimaforschung die Berichterstattung geprägt, ergänzt um Politiker:innen auf Klima-oder bei Autogipfeln, zuletzt auch Aktivist:innen. Dabei gilt ja auch hier: Der Klimawandel, die Klimapolitik, die Bewältigung von Klimafolgen, das sind keine Themen, an denen nur Forscherinnen, Politiker oder die Jugend von Fridays for Future beteiligt wären. Betroffen und beteiligt ist das gesamte Publikum, die gesamte Gesellschaft – mit unzähligen Arten der Betroffenheit, mit unzähligen Möglichkeiten, die Klimakrise entweder weiter zu verschärfen oder zu ihrer Bewältigung beizutragen.

Wo unsere Vorstellung vom Personaltableau des Klimadramas möglicherweise also bisher beschränkt war auf Donald Trump und Greta Thunberg, Elon Musk, die Klimakanzlerin und den unvermeidlichen Eisbären, da wäre inzwischen auch zu berichten von all den anderen Heldinnen in Haupt- und Nebenrollen, die Klimageschichten schreiben – von Dachdeckerinnen und Pflegekräften bei Hitzewellen, von Biobäuerinnen und Insektenforschern, von Gasmagnaten und Kohle-Divestment-Strateginnen, Verfassungsrichterinnen und Orchester-des-Wandels-Musikern, von Klima-Unionisten und Schwammstadtplanerinnen, kurzum: von einer Vielfalt, die zeigt – der Klimawandel ist kein Thema. Sondern die unerschöpfliche Realität.

1 Vgl. Karen Hamann, Anna Baumann, Daniel Löschinger: Psychologie im Umweltschutz. Handbuch zur Förderung nachhaltigen Handelns (Open-Access-Version)


Fotos: Detlev Eden

Über die Autoren

Carel Carlowitz Mohn ist Chefredakteur von klimafakten.de. Sven Egenter ist Chefredakteur des Clean Energy Wire. Die beiden Projekte zu Klimakommunikation und Energiewendejournalismus arbeiten unter dem gemeinsamen Dach der gemeinnützigen, stiftungsfinanzierten 2050 Media Projekt gGmbH.


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