Fünf Punkte für Klimajournalismus im Lokalen

Dörnberg in Hessen. Foto: Pixabay

Im Lokalen, hier Dörnberg, bieten sich besondere Möglichkeiten für nachvollziehbaren Klimajournalismus. Foto: Pixabay

Lokalzeitungen sind nah bei den Menschen. Katia Backhaus schreibt, welche Chance das für Klimajournalismus bietet und warum ein Friedhofsgärtner ein guter Gesprächspartner ist.


Durch Lokaljournalismus wird der Klimawandel besonders nachvollziehbar. Denn er ist nah dran an Menschen und Orten. Denn wer will noch an einer grundlegenden Veränderung des Klimas zweifeln, wenn der seit 40 Jahren vor Ort tätige Förster berichtet, wie Hitze und Trockenheit den Wäldern zusetzen – und es alle mit eigenen Augen sehen können?

Zugleich blickt der Lokaljournalismus auf Lösungen und Initiativen vor Ort und zeigt damit Anknüpfungspunkte zum Handeln auf. Welche Argumente gibt es im Gemeinderat zu Solarzellen auf Kindertagesstätten? Warum ist es nicht so einfach, chemische Pflanzenschutzmittel zu verbieten? Und was haben die Blühstreifen an den Feldrändern eigentlich gebracht? Beides – die (lokalen) Auswirkungen des Klimawandels anerkennen und verstehen und wissen, was dagegen getan werden kann – hilft, um mit den zu erwartenden Veränderungen umzugehen. Im Folgenden: Fünf Punkte, die für den Klimajournalismus im Lokalen wichtig sind.

1. Das Verbreitungsgebiet neu kennenlernen

Wissen, was vor Ort los ist, das ist die Essenz des Lokaljournalismus. In Zukunft spielen dabei nicht nur das Rathaus, die Straßen und Baustellen, die Schulen und Vereine eine Rolle, sondern auch die Felder, Gewässer und Wälder. Eine Chance, das Verbreitungsgebiet noch einmal neu kennenzulernen: Wo ist der Boden wie beschaffen, wo leben welche Tiere, wo wachsen welche Pflanzen? Hinzu kommt die Aufgabe, die regionalen – und, wenn es sie gibt, lokalen – Klimaprognosen zu studieren. Inzwischen gibt es immer konkretere Vorhersagen und Modellierungen, die Besonderheiten, die teils schon innerhalb eines Bundeslands bestehen, berücksichtigen: An der Nordseeküste wird sich der Klimawandel anders ausprägen als im Harz, beides gehört zu Niedersachsen.

Wenn man weiß, dass in der Region mehr Hitzetage erwartet werden oder der Moorboden Gefahr läuft, auszutrocknen und abzusacken, weiß man auch, wonach man Ausschau halten muss und wie sich Augenzeugenberichte einordnen lassen. Dazu gehört auch der Blick zurück: Waren hier immer schon Maisfelder, welche Tiere gab es früher noch? Wie kommt es, dass sich diese Dinge verändert haben?

Ein Urban Gardening Projekt in Vermont. Foto: Ted Eytan

Lokales Storytelling, lokaler Klimaschutz

Lokaljournalist:innen haben im Klimajournalismus eine Schlüsselrolle. Das sagt die Kommunikationswissenschaftlerin Franzisca Weder – und erklärt, warum die besten Geschichten sogar „hyper-lokal“ sind.

2. Lokale Expertise nutzen

Wenn jeder sieht, dass der Wald nebenan trocken ist, dass der Bach trocken fällt, zweifelt keiner mehr daran, dass es ein Problem gibt. Die Auswirkungen des Klimawandels sind vor Ort unmittelbar zu beobachten und bringen lokale Probleme mit sich. Dadurch wird greifbarer, was Klimawandel bedeutet. Durch Gespräche mit Betroffenen vor Ort – Landwirte, Gartenfachkräfte, Friedhofspfleger, Förster – wird klar, was sich ändert und welche Konsequenzen daraus folgen. Von Vorteil ist auch, dass die Gesprächspartner in der Regel bekannt sind und damit bei der Leser_innenschaft einen Vertrauensvorsprung haben. Denn die eine Sache ist es, einem fremden Wissenschaftler aus einer entfernten Stadt zu trauen, die andere, die Aussagen des Landwirts von nebenan zu lesen.

3. Zeigen, was vor Ort und nebenan funktioniert

Es wird an vielen Orten schon viel für den Klimaschutz getan – und gern davon erzählt. Und zugleich fragen Menschen immer wieder: Was kann ich tun? Vom Blühstreifen bis zum Umstieg auf die Ökolandwirtschaft geben zahlreiche Initiativen gute Beispiele und motivieren andere zum Nachahmen. Zusätzlichen Mehrwert gewinnt der Bericht, wenn man den Kontext im Hinterkopf behält und später nachfragt, was konkret denn die Blühstreifen in den vergangenen Jahren für die Insektenwelt getan haben.

Wer noch weitergehen will, kann Diskussionsrunden veranstalten und Menschen zusammenbringen.

Katia Backhaus

Interessant ist es auch, über die Grenzen der eigenen Kommune zu schauen: Was gibt es anderswo für Initiativen, wie haben die das gemacht mit den Solardächern auf dem Feuerwehrhaus, wie läuft es dort mit den Schottergärten? Das ist nicht zuletzt ein Anknüpfungspunkt für konstruktiven Journalismus im Lokalen. Wer noch weitergehen will, kann aktiv werden: Diskussionsrunden veranstalten, Menschen zusammenbringen, Ideen, über die man anderswo gelesen oder von denen man gehört hat, weitertragen. Denn man ist ja viel mit den Menschen vor Ort in Kontakt.

Foto: Clement Dorval / Ville de Paris

Journalismus gegen die Klimaangst

Das Klimathema macht müde oder gar ängstlich. Die Neurowissenschaftlerin und Medienpsychologin Maren Urner kennt ein Gegenmittel und kritisiert den Versuch vermeintlicher journalistischer Objektivität als Feigenblatt.

4. Berichten, was nicht klappt

Ansätze für Klimaschutz werden vor Ort erprobt, und dabei zeigt sich auch, wo es hakt. Eine Gemeinde beschließt zum Beispiel, keine chemischen Pflanzenschutzmittel mehr einsetzen zu wollen. Doch dann zeigt sich, dass sie für die mechanische Pflege von Grünstreifen mehr Personal braucht als zuvor. Oder eine Gemeinde will künftig alle Entscheidungen vorab auf ihre Umweltauswirkungen prüfen: Was genau bedeutet das, wer soll das machen? Gilt das auch für laufende Verfahren, verzögert das wichtige Pläne?

Diese Hürden und Schwierigkeiten darzustellen ist ein ebenso wichtiger Teil der lokalen Klimaberichterstattung wie über Initiativen und Lösungen zu berichten. Zugleich helfen solche Berichte, die Lage realistisch einzuschätzen: Natürlich kostet der Klimaschutz – wie die meisten umfassenden Veränderungen – Geld, Zeit und Ressourcen. Diese nicht zu verschwenden und einen Blick darauf zu haben, was die Folgen politischer Entscheidungen in diesem Bereich sind, ist ebenso wichtig, wie auf die Haushaltspläne für andere Aspekte zu schauen.

5. Mit Betroffenen sprechen

Klimajournalismus im Lokalen wird zunehmend auch bedeuten, mit Menschen zu sprechen, die von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen sind. Das können Ernteausfälle in der Landwirtschaft sein, aber auch Ehrenamtliche, die zum Hilfseinsatz angefordert werden. Bislang kannte man Gespräche, bei denen das Erzählte betroffen macht, eher von Krankheits- oder Schicksalsschlägen. Aber auch der Klimawandel wird sich – zumindest eine Zeit lang – anhand persönlicher Schicksale erzählen lassen.

Damit stellt sich die Frage, was der richtige Umgang damit ist: Ist der Landwirt, der einen massiven Ernteausfall aufgrund von Hitze und Dürre erlebt, ein Stück weit selbst schuld, weil er sich im Gemeinderat gegen Klimaschutzmaßnahmen ausgesprochen hat? Ist das Paar, das um sein Ferienhaus auf einer Atlantikinsel bangt, nicht eigentlich ein Klimatreiber durch all die Flüge, die es dorthin unternimmt? Aller Wahrscheinlichkeit wird auch ein Punkt erreicht sein, an dem bestimmte Veränderungen so sehr zum allgemeinen Wandel gehören, dass individuelle Geschichten nur noch der Ausnahmefall sind. Bis dahin helfen sie vielleicht, die Veränderungen greifbarer zu machen.


Foto: Janna Silinger

Katia Backhaus

… ist Journalistin und Politikwissenschaftlerin in Bremen. Dort schreibt sie zu Klima- und Umweltthemen. Für ihr Multimedia-Dossier „Klimawandel in der Region. Wie sich die Umwelt in Niedersachsen verändert“ hat sie den Lokaljournalistenpreis 2018 in der Kategorie Volontäre erhalten.


Eine Frage

Haben Sie aus diesem und anderen Beiträgen etwas Nützliches oder neue Gedanken mitgenommen? Mich interessiert Ihre Erfahrung! Geben Sie mir bitte hier ein kurzes und anonymes Feedback: Formular.


Weiterlesen