Lokales Storytelling, lokaler Klimaschutz

Ein Urban Gardening Projekt in Vermont. Foto: Ted Eytan

Auch die Geschichte über eine Bepflanzungs-Aktion in der Nachbarschaft ist eine Klimageschichte. Foto: Ted Eytan auf flickr.com

Lokaljournalist:innen haben im Klimajournalismus eine Schlüsselrolle. Das sagt die Kommunikationswissenschaftlerin Franzisca Weder – und erklärt, warum die besten Geschichten sogar „hyper-lokal“ sind.


Frau Weder, große Zeitungen haben für Klimajournalismus ihre Wissenschafts– und Datenressorts. In Fachmedien beschäftigen sich manche seit Jahrzehnten mit dem Klimawandel. Was aber hat eine Lokalzeitung?

Sie hat vor allem die Chance, ihre Türen für alle möglichen Themen und Aspekte des Klimawandels offen zu haben. Es geht bei ihr nicht darum, exklusiv zu sein und auf nationaler Ebene Themen zu debattieren. Es muss auch nicht immer alles kontextualisiert werden. Die Erfahrung einer offenen Redaktion, in die im Prinzip jeder reingehen kann und vom Fischsterben im Bach nebenan berichten kann, also dieses unmittelbare Aufnehmen von Geschichten, vom Mund der Bürger:in in das offene Ohr der Journalist:in, darin liegt ein unglaubliches Potenzial. Außerdem können Lokalmedien in ihrer Leserschaft Verbundenheit mit den Menschen vor Ort und der lokalen Umwelt schaffen – egal ob in der gedruckten Zeitung oder online.

Der Trumpf ist also die Nähe zur Leserschaft?

Einerseits Nähe, weil Lokalmedien auch Teil der örtlichen Community sind – physisch wie online. Aber ebenso ist es die Reaktivität auf kleine Dinge, die einfach passieren und die dann in der Zeitung erzählt werden können.

Sie waren an Ihrer ehemaligen Heimatuniversität in Klagenfurt an einer Studie zur Themenfindung und der Überwindung der großen Narrative und Antagonismen im Lokaljournalismus beteiligt. Was kam dabei heraus?

Unter anderem, dass globale, binäre Narrative wie „die Welt geht unter“ auf der einen Seite und „tolle Corporate Social Responsibility“ auf der anderen Seite im Lokalen keine Rolle spielen. In solch großen Meta-Diskursen kann man sich verzetteln. Das hat seinen Platz in der F.A.Z. oder der Süddeutschen Zeitung, ist aber auf der Lokalebene nicht unmittelbar interessant.

Dörnberg in Hessen. Foto: Pixabay

Fünf Punkte für Klimajournalismus im Lokalen

Lokalzeitungen sind nah bei den Menschen. Katia Backhaus schreibt, welche Chance das für Klimajournalismus bietet und warum ein Friedhofsgärtner ein guter Gesprächspartner ist.

Interpretation durch Storytelling

Wie machen Lokalmedien interessanten und guten Klimajournalismus? Zumal, wenn sie wirtschaftlich unter Druck stehen und im Tagesgeschäft nicht viel Zeit ist.

Ich halte den Begriff „Klimajournalismus“ für zu breit. Wo fängt Klimajournalismus an und wo hört er auf? Für mich lautet die Frage: Was ist guter Wissenschaftsjournalismus auf Lokalebene? Und da gibt es ganz viel ungenutztes Potenzial, um das durchaus vorhandene Bedürfnis nach Nachrichten und Interpretation zum Klimathema zu bedienen. Wenn wie zuletzt ein neuer Bericht des IPCC erscheint, dann ist dieser hoch abstrakt. Da braucht es Interpretation, damit die Menschen etwa das 1,5 Grad-Ziel im eigenen Alltag einordnen können, aber auch nicht im Schock erstarren.

Wie gelingt das?

Vor allem mit Storytelling und Personalisierung. Der Klimawandel ist zwar unheimlich komplex und global. Seine Phänomene wie Starkregen, besondere Hitze oder Brände sind aber sehr lokal spürbar. Auch wenn ich hier in Queensland (Australien) nicht unmittelbar von einem Buschfeuer bedroht bin, ist die Luftqualität so schlecht, dass ich meine Kinder nicht unbedingt vor die Tür lassen will. Und darüber tausche ich mich in meiner Nachbarschaft aus.

Selbst wenn Franzisca Weder in Australien nicht von einem Brand betroffen ist, so ist dieser doch Gespräch in der Nachbarschaft. Foto: bertknot auf flickr.com

Kleine Geschichten, große Zusammenhänge

Das klingt nun aber doch nach dem Weltuntergangs-Narrativ, das wir nicht wollen.

Für mich steckt viel Potenzial im Narrativ der Nachhaltigkeit. Das hat einen konstruktiven Dreh und lässt sich lokal herunterbrechen. Im deutschsprachigen Raum ist meiner Meinung nach mittlerweile so viel Bewusstsein da, dass sich da viele Geschichten erzählen lassen. Also etwa die Geschichte eines kleinen Projekts, in dem Schulkinder zusammen mit Menschen aus der Kirchengemeinde losziehen und einen Tag lang die Nachbarschaft von Müll befreien. Der Kunstgriff ist dann, ein so hyper-lokales, kleines Engagement in den größeren Zusammenhang von Nachhaltigkeit zu setzen.

Können Lokalmedien dadurch stärker zum klimafreundlichen Handeln motivieren?

Davon bin ich überzeugt, ja. Wir können es alle an uns selbst beobachten. Mir kann eine Person hundertmal sagen, dass ich nicht so viel Plastikmüll produzieren soll. Aber was mich wirklich zu einem anderen Verhalten motiviert, das ist die Nachbarin, die mit einer tollen Alternative um die Ecke kommt. Es ist erstens dieses personen- und kontextbezogene Storytelling, was lokalen Informationsaustausch und eben auch Lokaljournalismus ausmacht. Der zweite Aspekt ist, eine Meinung zu vertreten. Das Stichwort ist hier Advocacy Journalismus. Ein dritter Punkt ist die Rolle von lokaler Kunst und Kultur, die den Menschen oft wichtig ist. In der Wissenschaftskommunikation wurde schon einiges gemacht, was Lokalmedien inspirieren kann.

Foto: Clement Dorval / Ville de Paris

Journalismus gegen die Klimaangst

Das Klimathema macht müde oder gar ängstlich. Die Neurowissenschaftlerin und Medienpsychologin Maren Urner kennt ein Gegenmittel und kritisiert den Versuch vermeintlicher journalistischer Objektivität als Feigenblatt.

Das ist also wünschenswert, aber passiert es auch?

Im Moment sehe ich das noch nicht. Es ist nun mal ein schwieriger Spagat, eine globale Bedrohung so stark herunterzubrechen. Insofern braucht es auf der Lokalebene besser geschulte Journalist:innen, die diesen Spagat hinkriegen – und die statt von oben etwa herunter zu brechen lieber die kleinen Dinge die lokal passieren, in einen größeren Nachhaltigkeitskontext einzuordnen, von unten nach oben also.

Vernetzen und miteinander lernen

Woher kommt diese Schulung?

Ich sehe viel ungenutztes Potenzial in regionalen Universitäten und Fachhochschulen. Die sind vor Ort vernetzt, können aber auch den weiten Blick vermitteln. Gerade an kleinen Unis und Fachhochschulen unterrichten viele Praktiker:innen und Kommunikationsexpert:innen, und es geht weniger um den Journal-Glamour und Professoren-Glanz als Anwendbarkeit der Forschung. Darüber hinaus gibt es dort zum Beispiel auch mehr Weiterbildungsangebote für Journalist:innen.

Vernetzung gibt Lokaljournalist:innen Stabilität.

Franzisca Weder

Auch im relativ jungen Netzwerk Klimajournalismus vernetzen sich Lokaljournalist:innen miteinander.

Das finde ich super. Das gibt Stabilität und ein Gegengewicht zu größeren Zeitungen. Und es hilft dabei, die Qualität von Berichterstattung neu auszuhandeln.

Inwiefern das?

Der klassische Qualitätsjournalismus ist in einer großen Phase der Umdeutung. Vor allem im Lokalen ist die Frage, ob journalistische Qualität bedeutet, Nachrichten aus allen kleinen Vereinen zu bekommen. Diese Informationen fließen auch in den sozialen Medien. Stattdessen muss es darum gehen, komplexe Themen wie den Klimawandel mit den genannten Mitteln anspruchsvoll und verständlich aufzubereiten und kleine Aktionen in einen großen sozialen Wandlungsprozess einzubinden, also zum Beispiel das Café vor Ort, das keine Plastikbecher mehr ausgibt, mit Nachhaltigkeit in Verbindung zu bringen. Lokalmedien spielen also eine Schlüsselrolle in der Nachhaltigkeitskommunikation. Denn: der Klimawandel findet lokal statt.


Foto: UQ

Franzisca Weder

lehrt und forscht an der Universität Queensland in Brisbane, Australien. Zu Ihren Schwerpunkten gehören Sustainability Communication, und Journalism Studies. Sie ist außerdem Vorsitzende der International Environmental Communication Association.


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