Die gute Sache als Blattlinie

Zeitungen haben unterschiedliche Blattlinien.Foto: Jonas Mayer

Viele Blätter, viele Blattlinien. Foto: Jonas Mayer

Es gibt Streit, ob und wie aktivistisch Klimajournalismus sein darf. Die Medienethikerin Marlis Prinzing blickt auf verschiedene Blattlinien und erklärt, was sie selbst für die beste Grundhaltung hält.


Frau Prinzing, ein Satz, der in Debatten über die Abgrenzung von Journalismus und Aktivismus zuverlässig fällt, ist das – häufig aus dem Zusammenhang gerissene – Zitat von Hanns Joachim „Hajo“ Friedrichs, dass man sich auch mit einer guten Sache nicht gemein machen solle. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie das hören?

Es kommt ganz auf das Thema der Debatte an. Sich nicht gemein machen heißt, nicht parteiisch zu sein. Das sollte die Regel sein. Aber zum Beispiel können wir von Journalistinnen und Journalisten nicht wollen, dass sie es einfach nur beobachten, wenn ein Land in eine Diktatur abdriftet. Ein anderes Beispiel ist, dass es bei Axel Springer diese Grundlinie gibt, das jüdische Volk und das Existenzrecht des Staates Israel zu unterstützen. Das heißt aber nicht, dass die Politik der israelischen Regierung nicht kritisiert werden darf. In dieser Art gibt es ein paar Themen, bei denen Journalismus eine klare Anwaltschaft übernehmen muss – kombiniert mit einer Kritikfunktion.

Journalismus ist also durchaus normativ.

Er ist eine Mischung aus einer starken normativen Grundhaltung, Sachrecherche und dem Angebot an das Publikum, sich selbst eine Meinung zu bilden. Diese unterschiedlichen Funktionen, Rollen und Haltungen haben schon immer zum journalistischen Handwerkszeug gehört.

Foto: Number 10

Die Frames in den Köpfen von Klimajournalist:innen

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Es braucht multiperspektivische Sachgerechtigkeit

Was sehen Sie in der Debatte um Grundhaltungen im Klimajournalismus?

Ich beobachte ein zunehmend auseinanderdriftendes Rollenverständnis von Journalistinnen und Journalisten, häufig verknüpft mit einer relativen Intoleranz gegenüber der jeweils anderen Einstellung. Das lässt sich auch in anderen herausfordernden Themenfeldern wie der Pandemie zeigen, die ebenso von großer Komplexität und Unsicherheit geprägt ist. Professioneller Klimajournalismus muss unter dem Leitbegriff der Sachgerechtigkeit stehen. Und er sollte so tiefgehend und multiperspektivisch sein, dass er etwa auch den Zusammenhang des Klimawandels mit dem globalen Wirtschaftssystem beschreibt. In der Realität bleibt er leider häufig an der Oberfläche und facht dadurch mitunter existierende Konflikte in unserer polarisierten Gesellschaft weiter an.

Klimajournalismus muss unter dem Leitbegriff der Sachgerechtigkeit stehen sowie tiefgehend und multiperspektivisch sein.

Marlis Prinzing

Wie passiert das?

Etwa indem Journalisten und Journalistinnen in die Falle der sogenannten nobel cause corruption tappen und den Eindruck erzeugen, sie wollten die Gesellschaft vor dem Weltuntergang bewahren. Oder andersrum eine sogenannte false balance herstellen, wenn sie Klimaforscherinnen und -forschern, die mit wissenschaftlicher Evidenz argumentieren, emotional argumentierenden Menschen gegenüberstellen, die das Klima nicht als bedroht ansehen. Wenn der Diskurs von der Sachebene auf die Bauchebene gezogen wird, vertieft das die Polarisierung.

Zwischen Informationsvermittlung und Blattübernahme

Dabei hat eine Studie der LMU München in 2019 festgestellt, dass sich Medien in Deutschland viel stärker als in anderen Ländern als reine Informationsvermittler sehen. Hat sich daran etwas geändert?

Im internationalen Durchschnitt ist das journalistische Selbstverständnis wohl nach wie vor das gleiche. Große Teile des deutschen Publikums nehmen Berichterstattung hingegen als allgemein „meinungsgetrieben“ wahr. Nach meiner Auffassung ist das Meinen in Form von Kommentaren natürlich zentral im Journalismus. Speziell beim Klimathema ist aber auffällig, dass dieses Kommentieren häufig Expertinnen und Experten überlassen wird. Das sollten Journalistinnen und Journalisten durchaus stärker reflektieren und mehr Augenmerk auf unabhängige und tiefe Sachrecherche legen.

In 2020 arbeiteten zuerst der „Stern“ und dann die taz mit Fridays For Future zusammen. Collage: Übermedien / Titelseiten: Stern, taz

Unabhängigkeit ist ein gutes Stichwort. 2020 hat zuerst der „Stern“ eine Ausgabe in Kooperation mit Fridays For Future gestaltet, dann durfte die Organisation auch die taz für einen Tag „freundlich übernehmen“. Dafür gab es viel Lob, aber auch heftige Kritik.

Es war zwar nur jeweils eine Ausgabe, aber dadurch wurde die Meinungsvielfalt schon etwas beeinträchtigt. Für alle, die das Klimathema so ernst nehmen wie es ja auch ist, war das vielleicht nicht so schlimm. Man stelle sich aber mal vor, die Jugendorganisation der AfD dürfte in einer Ausgabe des „Sterns“ die Vorzüge des Populismus darstellen. Das würde weniger gut ankommen. Wir müssen also unbedingt unterscheiden zwischen Klimaschutz als einer legitimen grundsätzlichen Blattlinie neben vielen anderen und einer Berichterstattung, die einfach alles mit Klimaschutz prima findet.

Den Vorwurf des Aktivismus zurückweisen

Wie geht es besser?

Rund um den UN-Klimagipfel 2019 haben im Rahmen der Initiative Covering Climate Now weltweit viele Medien gleichzeitig über den Klimawandel berichtet. Das ist teilweise als Meinungskartell wahrgenommen worden, war aber aus meiner Sicht eine bloße Themen-Übereinkunft, innerhalb derer viele Positionen möglich waren. Interessant ist auch ein neues, globales Netzwerkprojekt zum Klima: Das Oxford Climate Journalism Network des Reuters Institute for the Study of Journalism der Universität Oxford adressiert Journalistinnen und Journalisten sowie die Führungsebenen und setzt bei Nachrichtenmedien an, weil sie häufig als Informationsquellen zum Klimawandel genutzt werden.

Foto: Clement Dorval / Ville de Paris

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Anstatt für Aktivismus, haben Sie sich im Medium-Magazin für „aktivierenden“ Klimajournalismus ausgesprochen. Wie sieht der aus?

Viele Menschen haben durch die Nachrichten zum Klimawandel das Bedürfnis, selbst aktiv zu werden. Aktivierender Journalismus befähigt sie dazu und zeigt ihnen, dass sie dem Klimawandel nicht bloß ausgeliefert sind. Damit geht er noch etwas weiter als der Konstruktive Journalismus, macht sich aber nicht selbst zur Speerspitze einer Bewegung. Das Thema des menschengemachten Klimawandels muss in den Redaktionen so lange zur Chefsache werden, bis allen bewusst ist, dass es alle Ressorts betrifft. Und Redaktionen sollten Vorwürfe, aktivistisch zu sein, aktiv zurückweisen, wenn diese Vorhaltungen sich auf das Berichten gesicherten Wissens beziehen und dieses verunglimpfen. Diese Grundhaltung, verknüpft mit Sachgerechtigkeit und Multiperspektivität, bringt Klimajournalismus weiter.


Foto: Martin Jepp

Marlis Prinzing

… ist Medienethikerin und Journalistik-Professorin an der Macromedia Hochschule, an der sie zahlreiche Paper publiziert hat.


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