Das Klima aktiv auf die Agenda setzen

Foto: Nick Reimer

Auf dem Weg zur COP in Bali berichtete Nick Reimer auch über die Klimafolgen entlang der Seidenstraße. Foto: Nick Reimer

Nick Reimer berichtete schon über den Klimawandel, als Angela Merkel noch Umweltministerin war. Im Interview erzählt er, wie sich der Klimajournalismus seitdem entwickelt hat und warum er selbst mit Bus und Bahn zur Klimakonferenz auf Bali fuhr.


Herr Reimer, was macht guten Klimajournalismus aus?

Guter Klimajournalismus macht betroffen. Denn schließlich sind wir alle vom Klimawandel betroffen. Er bricht die Zusammenhänge im Klimasystem herunter, erklärt sie und zeigt damit, dass wir nicht mehr über ein zukünftiges, sondern ein heutiges Problem reden, das unser Leben verändern wird.

Sie haben mit der „Ökostroika“ 1989 die erste überregionale Umweltzeitschrift der DDR gegründet. Inwiefern hat der Klimawandel schon darin eine Rolle gespielt?

Damals ging es um die lokale Umwelt, das Müllproblem, die Luftverschmutzung und Ressourcenknappheit. Der Klimawandel spielte in meinem journalistischen Leben erstmals 1995 eine Rolle. Damals gab es in Berlin die erste Weltklimakonferenz mit Angela Merkel als Umweltministerin, ich schrieb darüber. Mein Redaktionsleiter strich mir das Wort Kohlendioxid aus dem Artikel, weil das ein technischer Fachbegriff sei, der im Journalismus nichts zu suchen habe. CO2 geht heute in jedem Text locker durch, wobei ich lieber Treibhausgas schreibe, denn wir reden ja nicht nur über Kohlendioxid.

Im Jahr 2000 wurden Sie bei der taz für Energie und Klima zuständig.

Und selbst dort habe ich immer wieder etwas wie „Ach Reimer, du mit deinem Klima“ zu hören bekommen. Es gab damals noch kein Bewusstsein dafür, dass der Klimawandel ein absolutes Querschnittthema ist. Sogar bei der taz gab es Phasen, wo in der Redaktion eine gewisse Klima-Müdigkeit herrschte.

Ein Spiegel Online für das Klimathema

Deswegen haben Sie 2007 klimaretter.info (heute klimareporter.de)gegründet?

Auch deswegen. Ich hatte mit Toralf Staud das Buch „Wir Klimaretter – So ist die Wende noch zu schaffen“ geschrieben. Grundaussage war, dass die Klimaerhitzung ein kollektives Problem ist, was wir auch nur kollektiv lösen können. Um die Leser aber nicht warten zu lassen, bis das Kollektiv bereit ist, haben wir im Netz die ersten zehn Schritte zum Klimaretter publiziert. Schritt zehn lautete: Informiert Euch. Und weil wir nun mal Journalisten sind, haben wir die relevanten Nachrichten zum Thema gleich mitgeliefert.

Dann hat ein Stifter uns angeboten, ein Redakteursstelle zu finanzieren und so machten wir uns auf, eine Art Spiegel Online für das Klimathema aufzubauen. Das alles passierte aber erst, nachdem ich mit Bus und Bahn zur Klimakonferenz auf Bali gefahren bin. Denn in unserem Buch hatten wir auch zum Verzicht auf das Fliegen aufgerufen. Entlang des Weges habe ich für die taz über die weltweiten Auswirkungen des Klimawandels berichtet.

Eine weitere Station auf dem Weg nach Bali: Der schrumpfende Aralsee. Foto: Nick Reimer

Nur ein Jahr später folgte dann der „Klimalügendetektor“. Warum?

Nach den Recherchen zum Buch standen wir tief im Thema. Und dann kommen die Pressemeldungen auf den Tisch, in denen ein Kohlekonzern oder ein Luftfahrtunternehmen behaupten, toll viel Klimaschutz zu betreiben. Dass ein Konzern in einer Pressemeldung lügt, ist ja aber keine Nachricht. Deshalb haben wir dieses Watchblog gegründet, um einen Platz zu schaffen, solche Lügen zu entlarven.

Wie hat sich der Klimajournalismus später entwickelt?

Klimajournalismus hatte immer Konjunkturen und Wegmarken. Beispielsweise die Klimakonferenz 2007 auf Bali. Damals hieß es, dass das die letzte Chance für echten Klimaschutz sei: Es gab ein internationales Verhandlungsmandat für ein UN-Klimaabkommen, dass die Emissionen noch vor dem Jahr 2020 senken sollte. Das brachte bis 2009 eine Hochphase in der Klimapolitik und auch im Klimajournalismus. Doch dann scheiterten die Verhandlungen auf der Klimakonferenz von Kopenhagen kläglich. Und alles fiel in ein Loch: Die UNO, die Politik, der Druck der Zivilgesellschaft und damit auch die Berichterstattung. Auf dieses Tal folgten wieder Höhepunkte wie die Sommerfluten 2013 und den extrem trockenen Sommern in den Jahren 2018 und 2019. Bei solchen Wetterphänomenen kommt immer die Frage auf, ob das etwas mit dem Klimawandel zu tun hat.

Karsten Schwanke im Wetterstudio. Foto: ARD / Ralf Wilschewski

Wetterbericht schlägt Talkshow

Im Wetter wird der Klimawandel für alle spürbar. Der ARD-Meteorologe Karsten Schwanke erklärt, wie er in 45 Sekunden Wetterbericht den Zusammenhang aufzeigt – und was er sich in Sachen Klima von seinem Sender wünscht.

Von einzelnen Momenten zu permanenten Anlässen

Gibt es andere Anlässe als das Wetter?

Ein zweiter Anlass für die Aufmerksamkeit der Medien sind Studien, insbesondere die großen IPCC-Sachstandsberichte, die alle fünf bis sechs Jahre erscheinen. Und drittens gibt es politische Momente. Das kann ein Donald Trump sein, der seine Sprüche klopft, oder die Zeit um die Klimakonferenz von 2015 in Paris. Allerdings sind diese Konferenzen sehr komplex und journalistisch schwer festzuhalten. Das Klimathema ist so dringend, dass es aber permanent auf der politischen Agenda stehen müsste. Und wenn Politiker es nicht auf die Agenda setzen, dann müssen wir Journalisten das machen.

Wie gelingt das?

Man muss permanent aktuelle Anlässe schaffen, etwa indem man die neuesten Studien liest und Wissenschaftler trifft.

„Wenn wir Menschen ein Sinnesorgan für Treibhausgase hätten, würden wir vor Schmerzen schreiend durch die Gegend laufen. Im Vergleich dazu murmeln wir in den deutschen Medien immer noch vor uns hin.“

Nick Reimer

Apropos aktueller Anlass, wir stehen kurz vor der Bundestagswahl. Ist der Klimawandel so stark in den Medien präsent, wie Sie es sich wünschen?

Absolut nicht. Es gibt mittlerweile zwar viele gut ausgebildete Klimajournalisten. Aber ich sage es mal so: Wenn wir Menschen ein Sinnesorgan für Treibhausgase hätten, würden wir vor Schmerzen schreiend durch die Gegend laufen. Im Vergleich dazu murmeln wir in den deutschen Medien immer noch vor uns hin. Ich frage mich schlicht: Muss sich ein gutes Blatt dem Zukunftsthema schlechthin widmen oder nicht? Und da liegt noch viel Arbeit vor uns allen.


Foto: Matthias Rietschel

Nick Reimer

… ist Journalist und Buchautor in Berlin. Zuletzt hat er mit Toralf Staud den Bestseller „Deutschland 2050. Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird“ herausgebracht.


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